„Du musst nicht bleiben, ich bin dir nicht böse“

Sechs Tage sind Angie und Flo zusammen, als sie einen Schlaganfall erleidet – mit 26. Wie übersteht man es als Paar, wenn Pflege plötzlich zum Alltag gehört?

Eine Reportage von Sophia Kobel

Fotos: Matthäus Wörle

Originalartikel der Süddzeutschen Zeitung

© Süddeutsche Zeitung GmbH, München. Mit freundlicher Genehmigung von Süddeutsche Zeitung Content 

 

Es ist ein Tag vor Heiligabend, erinnert sich Angie. Sie sitzt bei einer Freundin im Wohnzimmer, die beiden unterhalten sich. Mitten im Satz hängt Angies rechter Mundwinkel auf einmal nach unten, Speichel tropft auf ihr Oberteil. Die 26-Jährige kann nicht mehr richtig reden, starrt irritiert auf ihre Hände, die sich anders anfühlen als sonst, irgendwie dumpf. Angie sagt, sie müsse sich nur kurz ausruhen, es sei nichts Schlimmes. Sie will nicht ins Krankenhaus. Ihre Freundin sieht das anders, ruft sofort einen Rettungswagen. Mehrere Stunden sitzt sie mit Angies Familie im Gang der Intensivstation, bis feststeht: Angie hat einen schweren Schlaganfall erlitten. Bei einer Notoperation muss ihre Schädeldecke geöffnet werden, es sehe nicht gut aus, sagen die Ärzte.

Ihr Partner Flo ist zu diesem Zeitpunkt in Hamburg, feiert Weihnachten mit seiner Familie. Als er erfährt, was Angie passiert ist, fährt er zu ihr in die Klinik. Sechs Tage sind die beiden zu diesem Zeitpunkt ein Paar. Eine Zeit, in der Paare sich erst noch finden, ins Restaurant gehen, den gegenseitigen Freundeskreis kennenlernen, die Wohnung mal ein Wochenende nicht verlassen. Doch der Schlaganfall nimmt Angie und Flo diese Momente, und viele mehr.

Als Flo sie im Krankenhaus besucht, bewegt sie leicht ihre linke Hand

Etwa 270 000 Menschen erleiden jährlich in Deutschland einen Schlaganfall. Nur etwa 15 Prozent aller Schlaganfall-Patienten sind 55 Jahre oder jünger, man spricht dann von juvenilen Schlaganfällen. Viele von ihnen würden durch angeborene Faktoren wie Herzfehler, Gerinnungsstörungen oder Einrisse in den Gefäßwänden verursacht, sagt Alexander Nave vom Centrum für Schlaganfallforschung der Berliner Charité.

Menschen, die wie Angie einen schweren Schlaganfall erleiden, müssen meist vieles neu lernen: sprechen, gehen, manchmal sogar schlucken. Nicht nur für die Betroffenen ist das eine große Herausforderung. Auch Partner müssen mit der neuen Situation erst einmal klarkommen. Wie verändert das eine Beziehung?

„Wir machen es halt andersherum. Viele Paare pflegen sich im Alter, wir bringen das am Anfang hinter uns und genießen dann später das Leben“, sagt Flo und lächelt Angie an. Es ist ein regnerischer Tag im Juni, etwa zweieinhalb Jahre ist Angies Schlaganfall heute her. Die beiden sitzen auf einem grauen Sofa in ihrer Wohnung in Heidelberg und lesen sich laut aus einem dicken Krimi vor. Es ist eine von vielen Übungen, durch die Angie wieder lernen soll, fließend zu sprechen. Aber nach einer Seite ist sie meist so erschöpft, dass Flo das restliche Kapitel übernimmt. Es waren zwei lange und harte Jahre. Für beide.

Als Sprech-Übung liest Angie laut aus einem Krimi vor. Nach einer Seite ist sie meist so erschöpft, dass Flo die restlichen Kapitel übernimmt. FOTO: MATTHÄUS WÖRLE

 

Als sie an diesem Nachmittag von den ersten Wochen im Krankenhaus erzählen, sammeln sich Tränen in Angies Augen. Fast zwei Wochen lang wurde Angie nach dem Schlaganfall künstlich beatmet. Als Flo sie damals zum ersten Mal auf der Intensivstation besuchte, bewegte sie ganz leicht ihre linke Hand. In den darauffolgenden Wochen freute sie sich am meisten, wenn er neben ihrem Bett saß.

Während ihre Familie sich vor allem mit den Schreckensszenarien beschäftigte, versuchte Flo alles, um Leichtigkeit in Angies Leben zu bringen. Er erzählte ihr schlechte Witze, imitierte das Piepen der Krankenhausgeräte und tat so, als würde er eine imaginäre Treppe am Ende ihres Bettes hinuntergehen. Angie lächelte jedes Mal, lachen oder reden konnte sie nicht. Der Humor ist für beide ein Weg, mit Angies Schicksal umzugehen. „Tja, der Schlaganfall stand nicht im Hinge-Profil“, sagt Flo und legt den Arm um Angie. Beide lachen. Ihre Scherze, die seien ganz wichtig für sie, sagt Angie. Sie brauche diese Lockerheit.

Zum Mittagessen gibt es bei Angie und Flo heute Veggieburger. Angie steht in der kleinen Küche und holt ein spezielles Brett aus einer Schublade. Es hat eine Halterung, in der sie die Tomaten und Zwiebeln einklemmt, sodass sie nur ihre linke Hand zum Schneiden benutzen muss. Die rechte Seite ihres Körpers ist bis heute größtenteils gelähmt. Ihren rechten Arm spürt sie nicht, sie kann die Muskeln dort nicht ansteuern. Auch ihr rechtes Bein zieht sie beim Gehen leicht hinter sich her. Durch eine Operation am Gehirn hat sie zudem starke Kopfschmerzen und epileptische Anfälle entwickelt. Ihr Alltag besteht aus vielen verschiedenen Therapieformen: Ergo-, Physio-, Psychotherapie.

Doch am meisten belastet sie, oft nicht ausdrücken zu können, was sie denkt. Die Worte fehlen ihr oder kommen durcheinander, kaum einen Satz kann sie ohne Stocken zu Ende bringen. Manchmal versteht niemand, nicht mal Flo, was sie gerade sagen will, dann schüttelt Angie nach mehreren Versuchen den Kopf, und sagt „Egal“. Oft schaue Angie ihn erwartungsvoll an, wenn es wieder holpert, sagt Flo. „Aber ich weiß nicht, wie viel Stütze ich ihr beim Sprechen sein soll. Und wann sie es lieber selbst versucht.“

Bei Schlaganfall-Patienten sei es typisch, dass der Partner oder die Partnerin viele Sätze beendet, sagt Tobias Gräßer. Der Neuropsychologe und Therapeut hilft Paaren dabei, mit einer Hirnverletzung umzugehen. Er weiß, wie schwer sich Angehörige damit oft tun. Betroffene Paare versuche er daher immer zu entlasten: „Es ist für Angehörige unmöglich, den perfekten Mittelweg zu finden.“ Jeder Tag sei anders. Am besten frage man nach, wie es sich anfühlt, wenn Sätze von anderen beendet werden. Was braucht die betroffene Person gerade? Unterstützung oder Freiraum? Aber: „Es ist kein Fehler, wenn man mal anders reagiert, als ausgemacht.“ Schließlich sei die Situation für beide hart. Es sei gemein, dass es meistens nur um sie gehe, sagt Angie und nimmt seine Hand, „denn Flo kämpft auch“.

„Ich bin mit so einer krassen Frau zusammen“, sagt Flo

Der Großteil der Care-Arbeit liegt bei ihm. Er ist immer da und regelt alles für beide. Seinen Job als Bauleiter in Berlin schmiss er hin und zog zu Angie nach Heidelberg. Ein Jahr lang unterstützte er Angie jeden Tag, statt zu arbeiten. Er suchte für beide eine eigene Wohnung, schuf ein Zuhause. Für eine neue, andere Zukunft. Aber wenn er Freunde oder seine Familie trifft, gehe es sofort um Angie und ihre Fortschritte. Das sei verständlich, sagt Flo, aber manchmal auch nicht einfach. Im vergangenen Jahr hat Flo sich einen Therapieplatz gesucht.

Und dann ist da noch eine ganz andere Herausforderung: Rechnet man Pflegegeld, Erwerbsminderungsrente und ihre Berufsunfähigkeitsversicherung zusammen, kommt Angie auf knapp 1000 Euro im Monat. Nur weil sie ihr Erspartes aufbraucht, reicht ihr das zum Leben. Wann und in welcher Form sie wieder arbeiten kann, wissen die Ärzte nicht, vielleicht in ein paar Jahren. „Wir hoffen, dass es anders kommt, aber sonst würde ich eben für uns beide verdienen müssen“, sagt Flo. Während Angie eine Tomate und eine Zwiebel schneidet, bereitet Flo das restliche Mittagessen zu. So läuft das nun meistens in ihrer Beziehung, Angie kann häufig nur einen kleinen Teil beitragen. Das zu spüren, macht sie traurig. In der Reha war sie sich sicher: In sechs Monaten ist sie wieder fit.

„Ich habe schnell verstanden, dass es lange dauern wird, bis ich wieder gesund bin. Wenn ich es überhaupt werde“, sagt Angie. Dabei denkt sie auch an Flo. Was ist das Beste für ihn? „Ich habe ihm gesagt: Du musst nicht bleiben, ich bin dir nicht böse, wenn du gehst. Ich verstehe es.“ Das sage sie ihm alle paar Monate. Was er antwortet? Angie schluckt: „Immer dasselbe: Ich will bleiben.“ Manche Freunde und Bekannte hatten damit nicht gerechnet, schließlich waren sie damals weniger als eine Woche ein Paar. Doch Flo glaubt, das war auch ihr Glück: „Es hat uns viel Kraft gegeben, frisch verliebt zu sein, das hat uns da durchgetragen.“

Im ersten halben Jahr nach einem Schlaganfall seien Paare sehr hoffnungsvoll, sagt Paartherapeut Gräßer. Er nennt es die „Wir-schaffen-das-gemeinsam-Phase“. Denn in den ersten sechs Monaten fände ein großer Teil der Regeneration im Gehirn statt und man sehe schnell große Fortschritte. „Aber dann, nach etwa zwei Jahren, zeigt sich oft, dass die Sprachstörung bleibt. Viele sind dann enttäuscht.“ Dann stelle sich die Frage: Gelingt es beiden, ihre Vorstellung einer Beziehung trotz der Einschränkungen zu leben?

In der Therapie sieht Gräßer unterschiedliche Konstellationen: Paare, die nicht mehr in einer Liebesbeziehung, sondern in einer Versorgungsbeziehung leben. „Da gibt es manchmal diese Vorstellung, dass man schicksalhaft vereint ist im Leid.“ Manchmal übe auch die kranke Person – absichtlich oder unabsichtlich – mehr Macht aus, bedingt durch ihre Hilfsbedürftigkeit. Am Ende sollten sich Paare immer fragen: Ist das eine Beziehung, für die ich mich gerade wieder entscheiden würde?

Flo spürt die Angie von früher auch heute noch. Die Frau, mit der er beim ersten Date in einer Weinbar in Berlin-Mitte bis drei Uhr nachts getrunken und gelacht hat. Mehrere Mitarbeitende in der Klinik haben Flo darauf angesprochen, wie strahlend Angie zu den Behandlungen komme. „Ich bin mit so einer krassen Frau zusammen“, sagt Flo und lächelt. Manchmal spüre er, wie sie neuen Menschen zeigen will, wie witzig und selbstbestimmt sie früher war. „Das klappt leider noch gar nicht“, sagt Angie und seufzt.

Aber es gibt sie, die Momente, die ihr Hoffnung geben. Einen dieser Momente erwartet sie diesen Sommer: Da fahren sie wieder zur Party einer Freundin nach Italien, wie jedes Jahr. Auch wenn sie ihren Rucksack nicht selbst tragen kann. Sie vermutlich im Zug wieder hinfallen wird. Und es sie nervt, dass sie nur in Begleitung ins Meer gehen darf. Aber: Sie kann wieder etwas erleben, sagt sie. „Weil ich mich mit Flo sicher fühle.“

 

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